Rund zwei Millionen Wohnungen stehen in Deutschland leer – gleichzeitig fehlen fast ebenso viele bezahlbare Mietwohnungen. Was wie ein Widerspruch klingt, ist Realität auf dem Wohnungsmarkt. Immer mehr private Eigentümer ziehen sich zurück. Aus Angst vor Ärger, Mietnomaden und einem Mietrecht, das sie im Zweifel alleinlässt.
Leerstand trotz Wohnungsmangel: Immer mehr private Eigentümer zögern mit der Vermietung – aus Angst vor Mietausfällen, Streit und langwierigen Verfahren. Foto: iStock.com / mariamontoyart
Zwei Millionen leere Wohnungen – und trotzdem Wohnungsnot
Die Zahl wirkt wie ein Schlag ins Gesicht für Wohnungssuchende: Schätzungen zufolge stehen in Deutschland rund zwei Millionen Wohnungen leer. Gleichzeitig klagen Städte über akuten Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Wartelisten werden länger, Mieten steigen, politische Maßnahmen greifen nur schleppend.
Doch hinter dem Leerstand steckt nicht nur Spekulation oder Vernachlässigung. Ein erheblicher Teil gehört privaten Kleinvermietern – Menschen, die vielleicht ein geerbtes Haus besitzen oder eine zusätzliche Wohnung zur Altersvorsorge gekauft haben. Und die sich bewusst gegen eine Vermietung entscheiden.
Nicht aus Gier. Sondern aus Angst.
„Einmal reicht“ – wenn Vermieten zum Risiko wird
Viele private Vermieter berichten von ähnlichen Erfahrungen: ausbleibende Mietzahlungen, langwierige Räumungsklagen, beschädigte Wohnungen. Wer einmal einen Mieter über Monate nicht aus der Wohnung bekommt, obwohl keine Miete mehr fließt, trägt das finanzielle Risiko allein.
Räumungsverfahren können sich über ein Jahr ziehen. Währenddessen laufen Kreditraten, Instandhaltungskosten und Nebenkosten weiter. Mietausfälle lassen sich zwar theoretisch einklagen – praktisch bleibt Vermietern oft nur ein Schuldtitel ohne realistische Aussicht auf Geld.
Für institutionelle Investoren mag das kalkulierbar sein. Für private Eigentümer, die vielleicht noch einen Kredit bedienen, ist es existenzbedrohend.
Mieterschutz – aber wer schützt die Vermieter?
Das deutsche Mietrecht gilt als eines der strengsten in Europa. Kündigungen sind nur unter engen Voraussetzungen möglich. Eigenbedarf muss detailliert begründet werden. Formfehler können Verfahren kippen. Gleichzeitig wird politisch weiter reguliert: Mietpreisbremse, verlängerte Kappungsgrenzen, Diskussionen über Enteignungen.
Ziel ist der Schutz der Mieter. Doch viele private Vermieter fühlen sich inzwischen pauschal unter Generalverdacht gestellt. Als seien sie automatisch Profiteure einer Krise, die strukturell viel tiefer liegt.
Die Folge: Wohnungen bleiben lieber leer. Oder werden verkauft.
Wenn Vorsicht den Markt austrocknet
Ökonomisch betrachtet ist das Ergebnis paradox. Je stärker Regulierung und Risiko wahrgenommen werden, desto weniger private Eigentümer sind bereit zu vermieten. Gerade in angespannten Märkten verschärft das die Knappheit zusätzlich.
Denn der Großteil des Mietwohnungsbestands in Deutschland gehört nicht Konzernen, sondern Privatpersonen. Fällt diese Gruppe als Anbieter aus, schrumpft das Angebot massiv. Neubau allein kann das kurzfristig nicht auffangen – zumal steigende Baukosten und Zinsen Investitionen zusätzlich bremsen.
So entsteht ein Kreislauf: Mehr Schutz führt zu weniger Angebot, weniger Angebot treibt die Mieten, steigende Mieten führen zu noch mehr Regulierung.
Zwischen Einzelfall und Systemproblem
Natürlich sind nicht alle Leerstände freiwillig. Manche Wohnungen sind sanierungsbedürftig, andere stehen in Regionen mit schrumpfender Bevölkerung. Doch in gefragten Lagen berichten Makler zunehmend von Eigentümern, die bewusst nicht vermieten wollen.
Die Gründe sind selten ideologisch. Es sind Erfahrungswerte. Unsicherheit. Und das Gefühl, im Ernstfall allein dazustehen.
Der Wohnungsmarkt leidet damit nicht nur an fehlendem Neubau, sondern auch an schwindendem Vertrauen.
Was läuft also falsch?
Die Debatte wird oft moralisch geführt: hier die armen Mieter, dort die renditegetriebenen Vermieter. Die Realität ist komplexer. Viele private Eigentümer sind selbst keine Großinvestoren, sondern Teil der Mittelschicht. Ihre Wohnung ist Altersvorsorge, Sicherheit, Rücklage.
Wenn dieses Sicherheitsgefühl kippt, kippt auch die Bereitschaft zu vermieten.
Die große Frage lautet daher nicht nur: Wie schützt man Mieter? Sondern auch: Wie schafft man faire Rahmenbedingungen, die private Vermieter im Markt halten?
Solange darauf keine überzeugende Antwort gefunden wird, bleibt der Widerspruch bestehen: Millionen leere Wohnungen – und trotzdem Wohnungsnot.
Geschrieben am 01.03.2026
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