In deutschen Großstädten steigen die Mieten seit Jahren deutlich. In Wolfsburg dagegen zeigt sich ein anderes Bild. Die Preise treten auf der Stelle, zuletzt gehen sie sogar leicht zurück. Nun wird aufgrund geringer Nachfrage der Wohnungsbau gestoppt. Die Entwicklung fällt aus dem Rahmen und lässt sich kaum erklären, ohne die Lage rund um Volkswagen zu betrachten.
Keine andere Stadt in Deutschland ist so abhängig von der Automobilindustrie wie Wolfsburg. Geht es Volkswagen schlecht, leidet die Region. Foto: stock.adobe.com / Eduard Stebner
Fährt die Autokrise in Wolfsburg groß auf? Offenbar ja: Wegen der VW-Krise werden inzwischen sogar Wohnungsbauprojekte gestoppt. Wie die Immobilien Zeitung berichtet, zieht sich Sahle Wohnen aus großen Teilen des Neubaugebiets Sonnenkamp zurück. Insgesamt stehen damit rund 1.800 geplante Wohnungen auf der Kippe. „Die Situation in Wolfsburg ist gerade ziemlich volatil“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. „Die Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Da ist es schwierig, neue Wohnungen zu verkaufen oder zu vermieten.“
Das zeigt sich auch in den aktuellen Mietdaten von immowelt. Während die Mieten deutschlandweit trotz Inflation deutlich gestiegen sind, legten sie in Wolfsburg in den vergangenen vier Jahren nur um 3,7 Prozent zu – von 7,74 auf 8,03 Euro pro Quadratmeter. Damit gehört Wolfsburg zu den schwächsten Entwicklungen unter den Großstädten. Noch auffälliger: Zwischen März und April 2026 sanken die Angebotsmieten sogar leicht um 0,1 Prozent, während sie bundesweit weiter steigen.
Der Blick richtet sich damit zwangsläufig auf Volkswagen. Der Konzern ist das wirtschaftliche Rückgrat der Region. Gerät VW unter Druck, trifft das unmittelbar Arbeitsplätze, Kaufkraft und den Wohnungsmarkt. Genau diese Entwicklung scheint sich nun abzuzeichnen. VW plant massive Einsparungen, die Kosten sollen konzernweit um rund 20 Prozent sinken. Bereits beschlossen ist zudem der Abbau von 35.000 Stellen in Deutschland bis 2030.
Genau diese Situation zeichnet sich derzeit offenbar ab. Volkswagen plant ein massives Sparprogramm. Konzernweit sollen die Kosten um rund 20 Prozent gesenkt werden. Gleichzeitig ist bereits vereinbart, dass in Deutschland bis 2030 rund 35.000 Stellen abgebaut werden. Auch Werksschließungen stehen zumindest wieder zur Diskussion, selbst wenn sie offiziell ausgeschlossen werden. Für eine Stadt wie Wolfsburg ist das eine Dimension, die sich nicht einfach kompensieren lässt. Auch in der Autostadt stehen damit Stellen auf der Kippe.
Die Entwicklung ist in den Daten bereits sichtbar
Dass es sich nicht nur um Ankündigungen handelt, zeigt ein Blick in die Beschäftigungsstatistik. Zum Stichtag September 2025 waren in Wolfsburg 114.500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gemeldet. Ein Jahr zuvor waren es noch 119.101. Innerhalb eines Jahres sind damit 4.601 Jobs weggefallen, ein Rückgang um 3,9 Prozent.
Besonders deutlich wird die Entwicklung in den Kernbereichen der Industrie. In der Maschinen und Fahrzeugtechnik, also dem direkten Umfeld von Volkswagen, ging die Zahl der Beschäftigten von 32.755 auf 30.955 zurück. Das entspricht einem Minus von 1.800 Stellen oder 5,5 Prozent. Auch in der technischen Entwicklung und Konstruktion, also bei Ingenieuren und hochqualifizierten Fachkräften, ist ein deutlicher Rückgang zu sehen. Hier sind 665 Jobs verschwunden, ein Minus von 8,3 Prozent. Insgesamt sind die Ingenieurberufe sogar um 9,0 Prozent zurückgegangen. Dabei handelt es sich oft um gut bis sehr gut verdienende Angestellte.
Diese Zahlen zeigen, dass der Strukturwandel längst begonnen hat. Und sie betreffen genau die Gruppen, die für die Nachfrage am Wohnungsmarkt besonders wichtig sind.
Der Arbeitsmarkt legt vor
Die Auswirkungensind deutlich sichtbar. Im März 2023 waren in Wolfsburg noch 3.974 Menschen arbeitslos gemeldet. Drei Jahre später, im März 2026, sind es 5.046. Das ist ein Anstieg um 1.072 Personen oder rund 27 Prozent.
Allein innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Arbeitslosen um 704 gestiegen. Gleichzeitig hat auch die Unterbeschäftigung deutlich zugenommen. Auffällig ist dabei, dass der Anstieg vor allem im Bereich der klassischen Arbeitslosenversicherung liegt. Das deutet darauf hin, dass zunehmend Menschen ihre regulären Jobs verlieren und nicht nur aus strukturellen Gründen arbeitslos sind.
Gewerbesteuer wird mit 150 Millionen Euro besonders niedrig angesetzt. 2023 waren es noch 250 Millionen Euro. Quelle: Doppelhaushalt Stadt Wolfsburg
Die Stadt rechnet selbst mit weniger Einnahmen
Auch ein Blick in den Haushalt der Stadt Wolfsburg zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wird. Die Gewerbesteuer ist einer der wichtigsten Indikatoren für die wirtschaftliche Stärke, da sie stark von großen Unternehmen wie Volkswagen abhängt.
2023 lagen die Einnahmen noch bei über 250 Millionen Euro. 2024 bei 150 Millionen. EIn Minus von 40 %. Für 2025 sind im Doppelhaushalt ebenfalls noch rund 150 Millionen Euro eingeplant. Wichtig ist, dass es sich bei den Zahlen für 2025 und 2026 um Planwerte handelt. Die endgültigen Ergebnisse liegen noch nicht vor. Dennoch zeigt die Planung, dass die Stadt selbst mit mit einer steigenden wirtschaftlichen Entwicklung rechnet. Das Niveau von 150 Millionen Euro wird in den Finanzplanungen bis Ende 2029 fortgeführt.
Warum sich das direkt auf die Mieten auswirkt
Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft schlägt sich direkt im Wohnungsmarkt nieder. Wenn weniger Menschen in gut bezahlten Jobs arbeiten, sinkt die Nachfrage nach Wohnraum. Gleichzeitig führt Unsicherheit dazu, dass Haushalte Entscheidungen aufschieben oder ihre Ausgaben reduzieren.
In Wolfsburg ist dieser Zusammenhang besonders stark, weil ein großer Teil der Nachfrage direkt oder indirekt von Volkswagen abhängt. Neben den Beschäftigten im Werk betrifft das auch Ingenieure, Dienstleister und viele weitere Berufe, die eng mit dem Konzern verbunden sind.
Ein ungewöhnlicher Trend mit klarer Ursache
Dass die Mieten in Wolfsburg stagnieren oder sogar leicht sinken, ist vor diesem Hintergrund keine Überraschung mehr. Die Stadt entwickelt sich anders als viele andere Großstädte, weil ihre wirtschaftliche Basis unter Druck steht. Auch in Stuttgart ist zumindest bei den Kaufpreisen für Wohnungen ein ähnliches Bild sichtbar,
Die Daten aus Beschäftigung, Arbeitsmarkt und Haushalt zeigen ein konsistentes Bild. Auch wenn nicht alle Zahlen bereits endgültig vorliegen, deutet vieles darauf hin, dass es sich nicht nur um eine kurzfristige Schwächephase handelt. Wolfsburg erlebt gerade, wie eng wirtschaftliche Entwicklung und Wohnungsmarkt miteinander verknüpft sind.
Geschrieben am 15.05.2026
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