Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins erstmals seit Beginn der Zinssenkungsphase wieder angehoben. Viele Käufer fragen sich nun, ob die Immobilienpreise erneut unter Druck geraten. Eine Auswertung von immowelt-Daten zeigt, dass die letzte Zinswende den Markt zwar deutlich getroffen hat – allerdings mit erheblicher Verzögerung. Zwischen der ersten Zinserhöhung und dem Tiefpunkt am Immobilienmarkt lagen rund 17 Monate.
Werden Häuser wieder günstiger? Das lernen wir aus der Zinswende von 2022. Foto. stock.adobe.com
Die neue Zinswende ist da – doch der Immobilienmarkt reagiert nicht sofort
Nach Monaten sinkender Leitzinsen hat die Europäische Zentralbank ihren Kurs geändert und den Leitzins von 2,0 auf 2,25 Prozent erhöht. Hintergrund ist die wieder steigende Inflation im Euroraum. Vor allem höhere Energiepreise und die Folgen der Konflikte im Nahen Osten sorgen dafür, dass die Teuerungsrate wieder deutlich über dem EZB-Ziel von 2 Prozent liegt.
Für Immobilienkäufer stellt sich damit dieselbe Frage wie bereits 2022: Was bedeutet eine Zinswende für die Immobilienpreise? Zinsen rauf, Preise runter?
Schon zuletzt hat sich gezeigt, dass in 9 von 15 Städten die Preise langsam fallen, weil die Baufinanzierungen stiegen. Aber geht da nun noch mehr?
Eine noch genauere Antwort liefert ein Blick in die jüngere Vergangenheit. Denn die Auswertung von immowelt-Daten zeigt, dass Immobilienmärkte zwar empfindlich auf steigende Finanzierungskosten reagieren, die Anpassung aber deutlich langsamer erfolgt als an den Finanzmärkten. Also: Zinsen gehen schnell rauf, Preise sinken aber nur langsam, aber dann sehr tief.
Die Erfahrung von 2022: Erst steigen die Preise weiter
Der russische Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 löste einen massiven Energiepreisschock und damit eine einhergehende Inflationswelle aus. Trotzdem stiegen die Immobilienpreise zunächst weiter.
Im Gegenteil: Der deutschlandweite Hybrid Index von immowelt erreichte mitten in der Energiekrise sogar neue Höchststände. Viele Marktteilnehmer gingen damals noch davon aus, dass die Preisrallye trotz Inflation und steigender Unsicherheit weitergehen könnte.
Erst als die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik änderte und die Zinsen anhob, begann sich die Stimmung am Markt zu drehen.
Deutschland: Kaufpreise gesamt
| Segment | Peak (Jun 2022) | Tief | Korrektur | Apr 2026 | Erholung vom Tief |
|---|---|---|---|---|---|
| Wohnungen | 3.395 €/m² | 3.019 €/m² (Dez 2023) | −11,1 % | 3.258 €/m² | +7,9 % |
| Häuser | 2.963 €/m² | 2.678 €/m² (Jan 2024) | −9,6 % | 2.854 €/m² | +6,6 % |
| Hybrid Index | 3.267 €/m² | 2.920 €/m² (Dez 2023) | −10,6 % | 3.136 €/m² | +7,4 % |
Die Zahlen zeigen, dass die Korrektur keineswegs unmittelbar einsetzte. Vom Höchststand im Sommer 2022 bis zum Tiefpunkt Ende 2023 beziehungsweise Anfang 2024 vergingen rund 17 Monate.
Genau dieses Timing ist die wichtigste Erkenntnis der Analyse. Nicht der Ukraine-Krieg selbst markierte den Wendepunkt. Entscheidend war die erste Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank.
Der Wendepunkt kam mit der EZB
Am 27. Juli 2022 erhöhte die EZB ihren Leitzins erstmals seit elf Jahren um 0,5 Prozentpunkte. Es folgten weitere kräftige Schritte. Bis September 2023 stieg der Leitzins auf 4,0 Prozent. Ab diesem Zeitpunkt begann die Preisentwicklung zu kippen.
Käufer konnten sich plötzlich deutlich weniger Wohnfläche leisten. Verkäufer mussten ihre Preisvorstellungen schrittweise anpassen. Finanzierungen wurden teurer und schwieriger zu bekommen. Die Folge war allerdings keine plötzliche Panikbewegung, sondern ein langwieriger Anpassungsprozess.
Besonders hart traf es die Hochpreismärkte
Während die deutschlandweiten Durchschnittswerte vergleichsweise moderat erscheinen, zeigen die Daten in vielen Städten deutlich stärkere Rückgänge.
Die stärksten Korrekturen in den Großstädten
| Stadt | Peak | Tief | Korrektur | Apr 2026 |
|---|---|---|---|---|
| Stuttgart | 5.562 € (Apr 2022) | 4.406 € (Sep 2024) | −20,8 % | 4.560 € |
| Augsburg | 5.124 € (Mai 2022) | 4.056 € (Jan 2024) | −20,8 % | 4.562 € |
| Hannover | 3.997 € (Apr 2022) | 3.203 € (Nov 2023) | −19,9 % | 3.513 € |
| Frankfurt am Main | 6.269 € (Mai 2022) | 5.075 € (Jan 2024) | −19,0 % | 5.448 € |
| Erfurt | 3.098 € (Mär 2022) | 2.517 € (Dez 2023) | −18,8 % | 2.872 € |
| München | 9.516 € (Apr 2022) | 7.745 € (Jan 2024) | −18,6 % | 8.219 € |
| Düsseldorf | 4.930 € (Apr 2022) | 4.014 € (Nov 2023) | −18,6 % | 4.489 € |
| Potsdam | 5.634 € (Apr 2022) | 4.599 € (Jan 2024) | −18,4 % | 5.108 € |
Auffällig ist, dass vor allem jene Märkte besonders stark korrigierten, die zuvor jahrelang überdurchschnittlich stark gestiegen waren. Je höher die Preise und die notwendige Kreditsumme, desto empfindlicher reagierten Käufer auf steigende Finanzierungskosten.
Auch kleinere Städte waren nicht immun
Die Korrektur beschränkte sich keineswegs auf die bekannten Metropolen. Teilweise fielen die Preisrückgänge in kleineren Städten sogar noch stärker aus.
Kleinere Städte mit starken Einbrüchen
| Stadt | Peak | Tief | Korrektur | Apr 2026 |
|---|---|---|---|---|
| Landshut | 5.174 € (Mär 2022) | 3.947 € (Jan 2024) | −23,7 % | 4.179 € |
| Schwerin | 2.709 € (Mai 2022) | 2.105 € (Jul 2024) | −22,3 % | 2.311 € |
| Speyer | 4.070 € (Mai 2022) | 3.191 € (Feb 2024) | −21,6 % | 3.586 € |
| Lüneburg | 3.324 € (Mai 2022) | 2.781 € (Dez 2023) | −16,3 % | 2.982 € |
Der Blick auf die Bundesländer zeigt das gleiche Muster
Nicht nur einzelne Städte, sondern ganze Regionen reagierten unterschiedlich stark auf die Zinswende.
| Bundesland | Peak | Tief | Korrektur | Apr 2026 |
|---|---|---|---|---|
| Bremen | 3.045 € | 2.553 € | −16,2 % | 2.722 € |
| Hamburg | 6.491 € | 5.493 € | −15,4 % | 5.882 € |
| Bayern | 4.557 € | 3.952 € | −13,3 % | 4.180 € |
| Schleswig-Holstein | 3.488 € | 3.041 € | −12,8 % | 3.230 € |
| Baden-Württemberg | 3.832 € | 3.364 € | −12,2 % | 3.563 € |
| Hessen | 3.459 € | 3.082 € | −10,9 % | 3.315 € |
| Niedersachsen | 2.536 € | 2.262 € | −10,8 % | 2.438 € |
| Thüringen | 1.742 € | 1.559 € | −10,5 % | 1.687 € |
| Nordrhein-Westfalen | 2.865 € | 2.575 € | −10,1 % | 2.835 € |
| Brandenburg | 2.757 € | 2.482 € | −10,0 % | 2.675 € |
| Mecklenburg-Vorpommern | 2.478 € | 2.239 € | −9,6 % | 2.421 € |
| Sachsen | 1.839 € | 1.665 € | −9,5 % | 1.796 € |
| Sachsen-Anhalt | 1.567 € | 1.419 € | −9,4 % | 1.584 € |
| Rheinland-Pfalz | 2.629 € | 2.388 € | −9,2 % | 2.581 € |
| Berlin | 5.079 € | 4.695 € | −7,6 % | 4.872 € |
| Saarland | 1.958 € | 1.859 € | −5,1 % | 1.970 € |
Die wichtigste Erkenntnis: Immobilien reagieren langsam
Die Daten zeigen ein erstaunlich klares Muster:
| Ereignis | Datum | Reaktion des Markts |
|---|---|---|
| Kriegsbeginn Ukraine | 24. Feb 2022 | Preise steigen zunächst weiter |
| Energiepreisschock | Mär–Jun 2022 | Preise erreichen Hoch |
| EZB Zinserhöhung | 27. Jul 2022 | Preise beginnen zu fallen |
| Marktboden | 2023–2024 | Tief wird erreicht |
| Erholung | ab 2024 | Preise steigen wieder |
Über mehr als 150 analysierte Städte lag der Median der Korrektur bei −13,6 Prozent, der Durchschnitt bei −14,2 Prozent.
Die aktuelle Zinserhöhung bedeutet deshalb nicht automatisch, dass Immobilienpreise bereits morgen fallen. Die Daten zeigen vielmehr, dass Preisanpassungen Zeit brauchen. Sollte die EZB ihren Kurs fortsetzen und weitere Zinserhöhungen folgen, könnten die eigentlichen Auswirkungen auf den Immobilienmarkt erst in den kommenden Quartalen sichtbar werden.
Die wichtigste Lehre aus der letzten Zinswende lautet deshalb: Nicht die erste Schlagzeile verändert den Markt, sondern die dauerhaft höheren Finanzierungskosten. Genau deshalb dürfte der Blick auf die nächsten Entscheidungen der EZB für Immobilienkäufer wichtiger sein als jede einzelne Inflationsmeldung.
Geschrieben am 20.06.2026
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