Ratgeber

Wärmepumpe verdrängt Gastherme – so könnten Etagenheizungen bald verschwinden

Autorenbild Kilian Treß
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Millionen Wohnungen in Deutschland werden noch mit Etagenheizungen beheizt, meist mit Gas. Der Austausch gilt als kompliziert, teuer und technisch heikel. Lange fehlten passende Alternativen. Nun bringen neue Wärmepumpen Bewegung in ein festgefahrenes Problem.

Millionen Wohnungen vor der Heizungsfrage

Rund vier Millionen Wohnungen in Deutschland verfügen noch über Etagenheizungen. In den meisten Fällen handelt es sich um Gasthermen, die jeweils einzelne Wohnungen versorgen. Spätestens mit dem schrittweisen Ausstieg aus fossilen Heizsystemen geraten diese Anlagen unter Druck. Fällt eine Etagenheizung nach Mitte 2026 oder 2028 aus, müssen Eigentümer innerhalb von fünf Jahren entscheiden, wie künftig geheizt wird – zentral oder weiterhin dezentral.

Der klassische Weg führt über eine Zentralheizung. Doch der ist aufwendig. Heizleitungen müssen durch das gesamte Gebäude gezogen und alle Wohnungen angeschlossen werden. Bei einem Mehrfamilienhaus mit rund 1.000 Quadratmetern Wohnfläche können schnell Kosten von etwa 100.000 Euro entstehen. Hinzu kommen Wärmeverluste, wenn Heizwasser durch unbeheizte Bereiche fließt, sowie die Frage, wo im Gebäude überhaupt Platz für die Technik ist. Warmwasser lässt sich zwar weiterhin dezentral erzeugen, etwa über Durchlauferhitzer oder Boiler, verursacht aber zusätzliche Kosten.

Dezentrale Wärmepumpen schließen eine Lücke

Bislang fehlten Lösungen, die Heizwärme und Warmwasser dezentral liefern, dabei kompakt genug für eine Wohnung sind und kaum Lärm verursachen. Inzwischen haben mehrere Hersteller genau dafür neue Wärmepumpensysteme entwickelt. Sie sollen bestehende Etagenheizungen ersetzen, ohne das gesamte Gebäude umbauen zu müssen.

Ein Ansatz setzt auf Abluft. Der schwedische Hersteller Nibe Systemtechnik bietet eine kompakte Abluftwärmepumpe an, die mit einem Lüftungssystem kombiniert ist. Die Anlage ist etwa so groß wie ein Kühl-Gefrierschrank und kann dort installiert werden, wo zuvor die Gastherme hing. Warme, feuchte Luft aus Küche, Bad oder Hauswirtschaftsraum wird abgesaugt, zur Wärmepumpe geleitet und dort zur Erzeugung von Heizwärme und Warmwasser genutzt. Die abgekühlte Luft wird nach außen geführt, frische Luft strömt kontrolliert nach.

Das System funktioniert allerdings nur ab einer bestimmten Wohnungsgröße. Ab etwa 50 Quadratmetern ist der Einsatz sinnvoll. Die Kosten liegen je nach Größe der Wohnung zwischen 15.000 und 20.000 Euro. Ein Vorteil ist die Unabhängigkeit: Jede Wohnung kann einzeln umgerüstet werden. Für schlecht gedämmte Gebäude eignet sich das Konzept jedoch kaum.

Wärme aus dem Keller statt aus der Wohnung

Einen anderen Weg geht der ebenfalls schwedische Hersteller Qvantum. Hier stammt die Wärmequelle nicht aus der Wohnung selbst, sondern aus einem zentralen System im oder am Gebäude. Genutzt werden können unter anderem Erdreich, Luft, Wasser, Abwasser, Solarenergie oder Eisspeicher. Eine zentrale Anlage hebt die Temperatur einer Flüssigkeit, meist einer Wasser-Glykol-Mischung, leicht an und leitet sie über Rohre in die Wohnungen.

Dort übernimmt eine kompakte Wärmepumpe, etwa so groß wie ein kleiner Trolley, die weitere Erwärmung und bereitet Heizwasser mit Temperaturen von bis zu 75 Grad auf. Ein separater Warmwasserspeicher kann flexibel im Wohnraum untergebracht werden. Das System eignet sich auch für größere Wohnungen und laut Hersteller sogar für schlecht gedämmte Gebäude. Für die Wohnungswärmepumpe inklusive Speicher sind rund 10.000 Euro einzuplanen. Die Kosten für die zentrale Außenanlage kommen zusätzlich hinzu.

Luftwärmepumpen als Zwischenlösung

Eine dritte Variante setzt auf Luftwärmepumpen. Der Anbieter Heatpump23 bietet Systeme an, bei denen eine Außeneinheit mit Ventilator etwa auf einem Balkon installiert wird. Die gewonnene Wärme wird an eine Inneneinheit in der Wohnung weitergeleitet. Diese Lösung kommt ohne zentrale Infrastruktur aus, benötigt jedoch Platz im Außenbereich.

Ein entscheidender Nachteil: Die Anlage nutzt ein synthetisches Kältemittel, das ab 2027 nicht mehr eingesetzt werden darf. Hintergrund ist eine EU-Verordnung, die besonders klimaschädliche Kältemittel schrittweise verbietet. Der Hersteller arbeitet nach eigenen Angaben bereits an einer neuen Lösung.

Zentral oder dezentral – keine einfache Rechnung

Auf den ersten Blick sind zentrale Heizsysteme günstiger. Größere Wärmepumpen sind in der Anschaffung und Wartung effizienter als viele kleine Geräte. Doch diese Rechnung greift nicht immer. Gerade die Umbaukosten können eine Zentralheizung deutlich verteuern, etwa wenn Rohrleitungen aufwendig durch ein Bestandsgebäude geführt werden müssen.

Dezentrale Konzepte können hier wirtschaftlich mithalten oder sogar günstiger sein. Sie vermeiden großflächige Eingriffe in die Bausubstanz und erhalten die bisherige Heizstruktur. Für Bewohner bedeutet das auch weiterhin eine klare Zuordnung der Heizkosten: Jeder Haushalt zahlt nur für den eigenen Verbrauch, aufwendige Umlagen über Heizkostenabrechnungen entfallen.

Etagenheizung wird zum Auslaufmodell

Klar ist: Für Etagenheizungen mit Gas gibt es langfristig keine Zukunft. Die neuen Wärmepumpenlösungen zeigen, dass der Umstieg nicht zwangsläufig über eine teure Zentralheizung führen muss. Welche Variante sich durchsetzt, hängt von Gebäude, Dämmstandard und Platzverhältnissen ab.

Fest steht aber auch: Der Markt kommt in Bewegung. Was lange als technisches Nischenproblem galt, entwickelt sich zunehmend zu einem entscheidenden Baustein der Wärmewende im Bestand.

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