Eine kleinere Wohnung bedeutet in Berlin längst nicht automatisch eine kleinere Mietrechnung. Zwischen bestehenden Mietverhältnissen und neu angebotenen Wohnungen hat sich eine Preislücke geöffnet, die viele Berliner vom Umzug abhält. Das trifft Familien ebenso wie ältere Menschen – und wird kurz vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 zum politischen Problem.
In fast allen Berliner Ortsteilen liegen die Angebotsmieten deutlich über dem Mietspiegel. Die hohen Neuvertragsmieten machen einen Umzug für viele Haushalte finanziell unattraktiv – und blockieren so den Wohnungswechsel in der Hauptstadt. Foto: stock.adobe.com / Peter Jesche | Grafik: immowelt
- Bis zu 64 Prozent Differenz: In 90 von 93 untersuchten Berliner Ortsteilen liegen die Angebotsmieten mindestens 30 Prozent über den jeweiligen Mietspiegelwerten. In 36 Ortsteilen beträgt der Abstand mindestens 50 Prozent.
- Der Wohnungsmarkt verliert Bewegung: Familien bleiben in zu kleinen Wohnungen, während ältere Menschen größere Wohnungen nach dem Auszug der Kinder häufig nicht aufgeben. Hohe Kosten eines neuen Mietvertrags können diesen Effekt zusätzlich verstärken.
- Wohnen ist das wichtigste Wahlkampfthema: Am 20. September 2026 wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Für 32 Prozent der Befragten im aktuellen BerlinTrend sind Wohnen und Mieten das wichtigste politische Problem der Stadt – mit deutlichem Abstand vor allen anderen Themen.
Ein Umzug wird für viele Berliner zum Luxus
Eigentlich sollte sich der Wohnraum einer Stadt mit ihren Bewohnern bewegen. Wer Kinder bekommt, braucht mehr Platz. Wenn die Kinder später ausziehen, reicht häufig eine kleinere Wohnung. Singles ziehen zusammen, Paare trennen sich, Menschen wechseln den Arbeitsplatz oder suchen im Alter eine barriereärmere Wohnung. Jeder dieser Schritte kann eine Wohnung für den nächsten Haushalt freimachen.
In Berlin funktioniert diese Kette immer schlechter. Laut einer aktuellen Analyse von immowelt liegen die Angebotsmieten in 90 von 93 untersuchten Ortsteilen mindestens 30 Prozent über den jeweiligen Mietspiegelwerten. In 77 Ortsteilen beträgt die Differenz mindestens 40 Prozent, in 36 mindestens 50 Prozent. Besonders groß ist der Abstand in Wilmersdorf: Dort stehen einer Angebotsmiete von 17,63 Euro pro Quadratmeter 10,75 Euro laut Mietspiegel gegenüber – eine Differenz von 64 Prozent.
Für einen Haushalt mit einem älteren, günstigen Mietvertrag entsteht damit ein ungewöhnlicher Anreiz: Bleiben kann billiger sein als Verkleinern. Wer beispielsweise nach dem Auszug der Kinder weniger Platz benötigt, muss für eine kleinere neu angemietete Wohnung unter Umständen ähnlich viel oder sogar mehr bezahlen als für die bisherige größere Wohnung. Umgekehrt stehen Familien, die dringend ein zusätzliches Zimmer benötigen, vor dem gleichen Problem: Der Wechsel auf dem Neuvermietungsmarkt kann ihre monatlichen Wohnkosten erheblich erhöhen.
Lock-in und Remanenzeffekt: Der Unterschied ist entscheidend
Für diese Entwicklung sind zwei Begriffe wichtig, die Ähnliches beschreiben, aber nicht dasselbe bedeuten. Der Remanenzeffekt beschreibt zunächst, dass Menschen in einer Wohnung bleiben, obwohl diese nicht mehr zu ihrem eigentlichen Wohnraumbedarf passt. Das klassische Beispiel sind ältere Menschen, die nach dem Auszug ihrer Kinder weiterhin in der früheren Familienwohnung leben. Dahinter können viele Gründe stehen: die vertraute Nachbarschaft, soziale Kontakte, fehlende kleinere oder barrierearme Wohnungen – und auch die Kosten eines Umzugs.
Der Lock-in-Effekt beschreibt dagegen die Barriere, die einen Wechsel verhindert. Auf dem Berliner Mietmarkt ist diese vor allem finanzieller Natur: Ein Haushalt besitzt einen vergleichsweise günstigen bestehenden Mietvertrag. Um umzuziehen, muss er diesen aufgeben und eine Wohnung zum heutigen Angebotsniveau anmieten. Der Haushalt ist damit wirtschaftlich an seinen bestehenden Vertrag gebunden – er ist gewissermaßen „eingeloggt“.
Beide Effekte können sich gegenseitig verstärken. Der Remanenzeffekt erklärt, warum Wohnraum nach einer Veränderung der Lebenssituation nicht automatisch neu verteilt wird. Der Lock-in-Effekt erklärt, warum ein Wechsel heute zusätzlich wirtschaftlich unattraktiv sein kann. Genau diese Verbindung ist für den angespannten Berliner Markt entscheidend.
IBB: Familien fehlt Platz, während andere Haushalte größer wohnen
Dass Wohnungsgröße und Haushaltsgröße in Berlin teilweise nicht zusammenpassen, zeigt der IBB Wohnungsmarktbericht 2024. Mehr als die Hälfte der Paare mit zwei Kindern lebt demnach in Wohnungen mit zu wenig Wohnraum. Bei Alleinerziehenden mit einem Kind trifft das auf 45 Prozent zu. Gleichzeitig lebte 2022 rund ein Drittel der alleinstehenden Senioren ab 65 Jahren in Wohnungen mit mindestens drei Wohnräumen; 6,5 Prozent verfügten über vier oder mehr Räume. Bis heute hat sich die Situation eher verschärft alls gemildert.
Das bedeutet nicht, dass eine große Wohnung eines älteren Menschen automatisch „fehlbelegt“ ist. Entscheidend ist vielmehr, ob Menschen, die sich verkleinern möchten, überhaupt eine passende Alternative finden. Die IBB nennt hier unter anderem ein begrenztes Angebot geeigneter Wohnungen und finanzielle Hürden eines Wohnungswechsels. Genau an dieser Stelle wird aus dem Remanenzeffekt ein Problem für einen ohnehin knappen Markt.
"Menschen bleiben in Wohnungen, die eigentlich nicht mehr zu ihrer Lebenssituation passen"
Denn eine Wohnung, die nicht gewechselt wird, kann auch keine Umzugskette auslösen. Zieht ein älterer Ein- oder Zweipersonenhaushalt aus einer größeren Wohnung in eine kleinere, kann die größere Wohnung theoretisch für eine Familie frei werden. Deren bisherige Wohnung wiederum steht einem kleineren Haushalt zur Verfügung. Funktioniert der erste Schritt nicht, bleibt auch der Rest der Kette stehen.
Theo Mseka, Geschäftsführer von immowelt. Foto: immowelt
„Ein funktionierender Wohnungsmarkt braucht Bewegung. Wenn ein neuer Mietvertrag aber monatliche Mehrkosten von 50 Prozent bedeutet, dann wird der Wohnungswechsel zur finanziellen Herausforderung“, sagt immowelt CEO Theo Mseka. „Dann bleiben Menschen in Wohnungen, die eigentlich nicht mehr zu ihrer Lebenssituation passen: Familien verharren auf zu wenig Fläche, während Senioren nach dem Auszug der Kinder große Wohnungen behalten, weil eine kleinere Wohnung bei Neuvermietung kaum günstiger wäre. Dieser Lock-in-Effekt blockiert Umzugsketten und verschärft durch Fehlbelegung die Lage auf dem ohnehin sehr angespannten Berliner Wohnmarkt.“
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Kurz vor der Berlin-Wahl wird die Wohnungsfrage zur Schlüsselfrage
Die Zahlen treffen Berlin zu einem politisch sensiblen Zeitpunkt. Am Sonntag, 20. September 2026, werden das Berliner Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen neu gewählt. Und kaum ein Thema beschäftigt die Stadt stärker als ihre Wohnungen: Im aktuellen RBB-BerlinTrend nennen 32 Prozent der Befragten Wohnen und Mieten als wichtigstes politisches Problem. Das zweitplatzierte Themenfeld kommt lediglich auf 10 Prozent.
Entsprechend unterschiedlich fallen die Antworten der Parteien aus. Im Wahlkampf reichen die Vorschläge von schnellerem Neubau und stärkerer Rechtsdurchsetzung über zusätzliche Mietregulierung und einen Ausbau des landeseigenen Wohnungsbestands bis zur Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen.
Die amtierende CDU-SPD-Koalition hatte sich zudem vorgenommen, durchschnittlich bis zu 20.000 neue Wohnungen pro Jahr zu schaffen. Tatsächlich wurden 2024 rund 15.000 und 2025 etwa 11.000 Wohnungen fertiggestellt.
Die Debatte dreht sich deshalb nicht nur darum, wie viele Wohnungen Berlin fehlen. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wie gut die bereits vorhandenen Wohnungen genutzt werden können. Ein Wohnungsmarkt braucht Neubau – aber er braucht auch Bewegung im Bestand. Wenn eine Familie ihre zu kleine Wohnung nicht verlassen kann und ein älterer Haushalt trotz Verkleinerungswunsch in der großen Wohnung bleibt, weil beide auf dem Neuvermietungsmarkt erheblich mehr bezahlen müssten, wird aus einem individuellen Problem ein strukturelles.
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