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Wegzugsteuer: So hält Deutschland seine Millionäre im Land

Autorenbild: Andreas Steger
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Deutschland kämpft um Wohlstandsträger. Eine zentrale Waffe im fiskalischen Arsenal ist die sogenannte Wegzugsteuer. Sie soll verhindern, dass vermögende Investoren und Unternehmer dem deutschen Steuerrecht entfliehen. Doch wie funktioniert das Instrument – und ist es wirklich wirksam?

Was ist die Wegzugsteuer?

Die Wegzugsteuer ist keine eigenständige Abgabe, sondern ein steuerliches Durchgriffsrecht. Sie greift, wenn ein Steuerpflichtiger seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt ins Ausland verlagert und dabei wesentliche Unternehmensbeteiligungen hält. Statt den Gewinn erst beim tatsächlichen Verkauf zu besteuern, unterstellt der Staat eine fiktive Veräußerung der Anteile.

Kernidee: Wertsteigerungen, die während der unbeschränkten Steuerpflicht in Deutschland entstanden sind, sollen hier auch besteuert werden – selbst wenn der Steuerpflichtige später im Ausland lebt.

Wie funktioniert die Besteuerung konkret?

Die Regel greift in der Regel, wenn jemand zu mindestens einem Prozent an einer Kapitalgesellschaft beteiligt ist. Beim Wegzug werden die stillen Reserven der Anteile fiktiv aufgedeckt und besteuert.

Das bedeutet:

  • Mit dem Wegzug endet die unbeschränkte Steuerpflicht in Deutschland.
  • Das Finanzamt berechnet die bis dahin entstandenen Wertzuwächse.
  • Auf diesen fiktiven Gewinn fällt Einkommensteuer an.
  • Unter bestimmten Voraussetzungen ist eine Stundung oder Ratenzahlung möglich.

Ziel ist es zu verhindern, dass Vermögen im Inland aufgebaut und dann vor einer steuerlichen Realisierung ins Ausland verlagert wird.

Sonderfall Immobilien: Privatbesitz oder GmbH-Struktur?

Bei privat gehaltenen Immobilien greift die Wegzugsteuer nicht. Deutschland behält bei inländischen Objekten ohnehin das Besteuerungsrecht. Mieteinnahmen und Verkaufsgewinne bleiben auch nach einem Wegzug hier steuerpflichtig.

Anders ist es, wenn Immobilien über eine GmbH gehalten werden. Zieht ein Gesellschafter mit mindestens einprozentiger Beteiligung ins Ausland, kann die Wegzugsteuer auf die Anteile greifen. Entscheidend sind dann die stillen Reserven in der Gesellschaft – also etwa stark gestiegene Immobilienwerte.

Warum sehen viele Millionäre die Regelung kritisch?

Unternehmer und vermögende Privatpersonen kritisieren die Wegzugsteuer aus mehreren Gründen.

Erstens entsteht eine Liquiditätsbelastung. Die Steuer wird auf einen fiktiven Gewinn erhoben, obwohl kein Verkauf stattgefunden hat. Es fließt also kein Geld, trotzdem wird Steuer fällig.

Zweitens wird ein Standortnachteil gesehen. Deutschland gilt im internationalen Vergleich als Hochsteuerland. In Kombination mit der Wegzugsteuer könne dies Investitionsentscheidungen beeinflussen.

Drittens besteht die Gefahr einer Doppelbesteuerung, wenn auch der neue Wohnsitzstaat Wertzuwächse besteuert. Zwar existieren Doppelbesteuerungsabkommen, doch sie verhindern nicht in jedem Fall eine Mehrbelastung.

Was will der Gesetzgeber damit erreichen?

Aus Sicht des Staates steht der Schutz der Steuerbasis im Mittelpunkt. Infrastruktur, Bildung und öffentliche Leistungen werden auch durch hohe Einkommen und Unternehmensgewinne finanziert. Entstehen Wertzuwächse in Deutschland, soll der Fiskus daran beteiligt werden.

Zugleich soll verhindert werden, dass Spitzenverdiener erst Vermögen im Inland aufbauen und dann in Länder mit niedrigeren Steuersätzen umziehen, um die Besteuerung zu umgehen.

Die Wegzugsteuer ist damit auch ein politisches Signal im internationalen Wettbewerb um Kapital und Steueraufkommen.

Wie wirksam ist die Wegzugsteuer wirklich?

Die Wirksamkeit wird unterschiedlich bewertet. Einerseits verhindert sie klare Fälle steuerlicher Gestaltung beim Wegzug. Andererseits existieren legale Strukturierungsmodelle, mit denen Auswirkungen gemindert werden können.

Internationale Holdingstrukturen, frühzeitige Umstrukturierungen oder die Nutzung von Doppelbesteuerungsabkommen können die Steuerlast beeinflussen. Für sehr vermögende Steuerpflichtige spielt professionelle Beratung daher eine zentrale Rolle.

Fazit: Die Wegzugsteuer ist ein zentrales Instrument der deutschen Fiskalpolitik im globalen Wettbewerb um Vermögen. Sie sorgt dafür, dass Wertsteigerungen, die während der Steuerpflicht in Deutschland entstanden sind, nicht steuerfrei ins Ausland verlagert werden.

Für private Immobilienbesitzer ist sie meist kein Thema. Für Unternehmer und Gesellschafter von Kapitalgesellschaften – auch im Immobilienbereich – kann ein Wegzug jedoch erhebliche steuerliche Folgen haben.

Deutschland steht damit vor einer Gratwanderung: Die Steuerbasis sichern, ohne Kapital und unternehmerische Initiative dauerhaft ins Ausland zu treiben.

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