Immer häufiger geht Solarstrom verloren, obwohl die Sonne scheint. Was wie ein Marktproblem wirkt, ist politisch gewollt – und könnte der Energiewende mehr schaden als nützen. Deutschland gilt inzwischen als Vorreiter bei der Abregelung, doch genau das offenbart massive Versäumnisse bei Netzen, Speichern und Stromtarifen.
Trotz voller Sonneneinstrahlung wird immer häufiger Strom nicht eingespeist, sondern bewusst abgeregelt – eine politisch gewollte Folge neuer Marktregeln, die strukturelle Defizite der Energiewende offenlegt. Foto: iStock.com / tigerstrawberry
Abschalten statt einspeisen: Wenn Solarstrom zum Kostenfaktor wird
Nie zuvor wurde in Deutschland so viel Solarstrom freiwillig abgeregelt wie heute. Das zeigt eine Analyse von Montel – eine Plattform, die Nachrichten, Großhandelspreise und Charting-Tools für den europäischen Energiemarkt liefert.
Betreiber schalten ihre Anlagen ab, obwohl sie Strom produzieren könnten – schlicht, weil sich Einspeisung wirtschaftlich nicht mehr lohnt. Strompreise rutschen an sonnigen Tagen mittags ins Negative, jede zusätzliche Kilowattstunde würde Geld kosten.
Dass dieser Effekt inzwischen Alltag ist, ist kein Zufall. Er ist Ergebnis einer bewussten politischen Entscheidung.
Das Solarspitzengesetz wirkt – aber nicht nur positiv
Im Februar 2025 verabschiedeten SPD und Grüne gemeinsam mit der Union kurz vor dem Regierungswechsel das sogenannte Solarspitzengesetz. Kernpunkt: Bei negativen Strompreisen fällt die Förderung für Solarstrom weg – für Neuanlagen sofort, für Bestandsanlagen bereits nach kurzer Zeit.
Das Ziel war klar: weniger Einspeisung bei Stromüberschüssen, weniger extreme Negativpreise, weniger Belastung für Netze. Aus Marktsicht funktioniert das. Deutschland gilt laut dem Analysehaus Montel inzwischen als „reifster Markt Europas im Umgang mit marktbasierter Abregelung“.
Doch genau hier beginnt das Problem.
Weniger negative Preise – weniger Druck auf Kohlekraftwerke
Negative Strompreise gelten als unangenehm, sind aber ein zentrales Steuerungsinstrument der Energiewende. Sie setzen fossile Kraftwerke unter Druck, weil Kohle- und Gaskraftwerke bei stark negativen Preisen Geld verlieren, wenn sie weiterlaufen.
Seit die Abregelung greift, fallen Strompreise seltener und weniger stark ins Minus. Der durchschnittliche negative Börsenpreis lag 2025 nur noch bei rund minus 11 Euro pro Megawattstunde – deutlich weniger als noch einige Jahre zuvor.
Die Folge: Kohlekraftwerke bleiben häufiger am Netz. Der gewünschte Verdrängungseffekt erneuerbarer Energien wird abgeschwächt. Ausgerechnet ein Instrument, das den Ausstieg aus fossiler Stromerzeugung beschleunigen könnte, verliert an Wirkung.
Deutschland verschenkt Anreize für Speicher, E-Autos und flexible Tarife
Stark negative Strompreise sind nicht nur ein Problem, sondern auch ein Signal. Sie machen Batteriespeicher rentabel, fördern Lastverschiebung und sind die Grundlage für dynamische Stromtarife. Genau diese Mechanismen fehlen in Deutschland noch in der Breite.
Zwar ließe sich überschüssiger Solarstrom problemlos in Batterien, Wärmepumpen oder Elektroautos lenken. Doch es fehlt an intelligenten Stromzählern, klaren Marktregeln und flächendeckenden Tarifen, die solche Flexibilität belohnen.
Statt Nachfrage zu schaffen, wird Angebot abgeschaltet.
Netze stabilisiert – aber strukturelle Defizite bleiben
Aus Sicht der Netzbetreiber bringt die Abregelung kurzfristig Entlastung. Lokale Netze geraten bei starker Sonneneinstrahlung weniger unter Druck, das Risiko von Notabschaltungen sinkt. Technisch ist das ein Erfolg.
Strategisch jedoch offenbart sich ein anderes Bild: Deutschland reagiert auf den Ausbau erneuerbarer Energien nicht mit Tempo beim Netzausbau, bei Speichern oder bei Digitalisierung – sondern mit Abschalten.
Ein reifer Markt mit unreifer Infrastruktur
Dass Deutschland heute als Vorbild für marktbasierte Abregelung gilt, ist nur die halbe Wahrheit. Der Markt funktioniert, weil politische Eingriffe ihn dazu zwingen. Gleichzeitig fehlen zentrale Bausteine der Energiewende weiterhin:
- zu wenige Großspeicher
- zu langsamer Smart-Meter-Rollout
- kaum verbreitete dynamische Tarife
- unzureichende Kopplung von Strom, Wärme und Mobilität
Statt Solarstrom intelligent zu nutzen, wird er immer häufiger vernichtet.
Politisch gewollt – wirtschaftlich kurzsichtig
Die zunehmende Abschaltung von Solaranlagen ist kein Betriebsunfall der Energiewende. Sie ist politisch gewollt und marktwirtschaftlich erklärbar. Doch sie zeigt auch, wo Deutschland seit Jahren hinterherläuft.
Ein Stromsystem, das Überschüsse nicht nutzen kann, sondern abschaltet, ist stabil – aber nicht zukunftsfähig. Die Energiewende wird so sicherer, aber langsamer. Und sie verliert genau dort an Dynamik, wo Innovation eigentlich entstehen müsste.
Geschrieben am 08.02.2026
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