Es sind Bilder mit Signalwirkung: Bundeskanzler Friedrich Merz neben Indiens Premierminister Narendra Modi. Doch jenseits von Rüstung, Autos und Logistik steckt in den neuen Abkommen zwischen Deutschland, der EU und Indien ein Rohstoff, der für Europas Energiewende entscheidend werden könnte: grüner Ammoniak.
Deutschland und Indien vertiefen ihre Zusammenarbeit bei klimafreundlichen Energieträgern. Grüner Ammoniak soll künftig eine Schlüsselrolle für Industrie und Energiewende spielen. Foto: Vitalii Zikun / stock.adobe.com
Ein Vertrag ragt dabei besonders heraus. Der Düsseldorfer Energiekonzern Uniper hat mit dem indischen Unternehmen AM Green Ammonia eine langfristige Liefervereinbarung geschlossen. Bis zu 500.000 Tonnen grünes Ammoniak pro Jahr sollen künftig aus Indien nach Europa kommen, wie tagesschau.de berichtet. Für Uniper ist es der Aufbau eines „Versorgungskorridors“, für Deutschland ist es vor allem eines: ein weiterer Schritt raus aus fossilen Abhängigkeiten – und perspektivisch ein Baustein für stabilere Energiepreise.
Was grüner Ammoniak überhaupt ist
Ammoniak kennt man bisher vor allem aus der Landwirtschaft. Er ist Grundstoff für Dünger und wird bislang fast ausschließlich mit Erdgas hergestellt – ein extrem CO₂-intensiver Prozess. Grüner Ammoniak dagegen entsteht mit Strom aus erneuerbaren Energien. Wasserstoff wird per Elektrolyse gewonnen und anschließend mit Stickstoff aus der Luft verbunden. Das Ergebnis: ein Energieträger, der zu rund 90 Prozent klimaneutral ist.
Der entscheidende Vorteil: Ammoniak lässt sich leichter transportieren und speichern als Wasserstoff. Er kann per Schiff um die halbe Welt gefahren werden, ohne extremen Druck oder Minusgrade. Genau deshalb gilt er als eine Art „Transportverpackung“ für grünen Wasserstoff – und als Schlüsselrohstoff für Industrien, die sich nicht einfach elektrifizieren lassen.
Wofür Deutschland grünen Ammoniak braucht
Der Einsatzbereich ist breit. In der Chemieindustrie ersetzt grüner Ammoniak fossile Vorprodukte. In der Landwirtschaft kann er klimafreundlicheren Dünger ermöglichen. Besonders wichtig ist er aber für zwei große Baustellen der Energiewende: Schwerindustrie und Schifffahrt.
Stahlwerke, Raffinerien oder Zementhersteller brauchen enorme Energiemengen, die mit Strom allein kaum zu decken sind. Grüner Ammoniak kann dort als Brennstoff oder Wasserstoffquelle dienen. Gleichzeitig testen Reedereien bereits Ammoniak-Antriebe für Containerschiffe – ein möglicher Ausweg aus der stark ölabhängigen globalen Logistik.
Für Verbraucher klingt das abstrakt, hat aber konkrete Folgen: Gelingt die Umstellung, sinken langfristig CO₂-Kosten, Strafabgaben und Importabhängigkeiten. Das stabilisiert Preise – von Lebensmitteln bis zu Alltagsgütern, die über Seewege nach Europa kommen.
Warum ausgerechnet Indien
Indien hat einen entscheidenden Standortvorteil: viel Sonne, viel Wind und eine massive Ausbauoffensive bei erneuerbaren Energien. Das Land gehört schon heute zu den weltweit größten Produzenten von grünem Ammoniak. Während Europa mit Flächenknappheit, langen Genehmigungsverfahren und hohen Stromkosten kämpft, kann Indien klimafreundliche Energie günstiger erzeugen.
Für Deutschland ist das strategisch attraktiv. Statt neue Abhängigkeiten von einzelnen Staaten aufzubauen, setzt die EU auf Diversifizierung. Indien gilt dabei als politisch stabiler Partner, der nicht Teil autoritärer Machtblöcke ist – ein wichtiger Aspekt nach den Erfahrungen mit russischem Gas.
Freihandel als Beschleuniger der Energiewende
Dass die Kooperation jetzt Fahrt aufnimmt, hängt auch mit dem frisch ausgehandelten Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien zusammen. Zölle sollen fallen, Lieferketten einfacher werden, Investitionen schneller fließen. Für grüne Energieträger wie Ammoniak bedeutet das: weniger Bürokratie, geringere Kosten und planbarere Liefermengen.
Die EU rechnet damit, dass der Handel mit Indien deutlich wächst. Für Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas heißt das nicht nur bessere Absatzmärkte für Maschinen oder Autos, sondern auch Zugang zu Rohstoffen, die für die Transformation der eigenen Industrie dringend gebraucht werden.
Am Ende ein Vorteil für alle
Noch ist grüner Ammoniak kein Massenprodukt. Aber der Markt wächst rasant, Prognosen gehen bis 2030 von einem Plus von rund 60 Prozent aus. Je früher stabile Lieferketten aufgebaut werden, desto schneller kann die Energiewende von der Theorie in die Praxis kommen.
Für Verbraucher bedeutet das: weniger Abhängigkeit von Krisenstaaten, mehr Versorgungssicherheit und langfristig geringere Kosten für Energie, Transport und Industrieprodukte. Der Deal mit Indien ist damit mehr als ein weiteres Handelsabkommen – er ist ein stiller, aber zentraler Baustein auf dem Weg zu einer klimafreundlicheren und stabileren Wirtschaft in Deutschland.
Geschrieben am 16.02.2026
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