Jalousien, die Strom erzeugen, klangen lange wie die perfekte Lösung für die Energiewende am eigenen Fenster. Keine Baustelle auf dem Dach, keine komplizierte Planung, stattdessen einfach nachrüsten und direkt Strom produzieren. Doch rund zehn Jahre nach den ersten Prototypen ist von diesem Versprechen kaum noch etwas übrig.
Jalousien, die Strom erzeugen? Eine geniale Idee, die an der Realität scheiterte. Foto: stock.adobe.com / Curios
Die Geburtsstunde einer Vision
Mitte der 2010er Jahre wirkte das StartUp SolarGaps wie der wahrgewordene Traum der Energiewende. Der ukrainische Gründer Yevgen Erik beobachtete Sonnenblumen auf einem Feld, die sich nach der Sonne orientierten und fragte sich: Warum können unsere Gebäude das nicht auch? Warum werfen Jalousien nur Schatten, anstatt die Energie der Sonne zu nutzen, die ohnehin auf sie prallt?
Das Konzept war technisch brillant: Photovoltaik-Lamellen, die sich vollautomatisch wie Blumen nach dem Stand der Sonne ausrichten. Gesteuert per App, integriert in das Smart Home. Mit einem Firmensitz im US-Bundesstaat Delaware für die Investoren und dem technologischen Herz in Kiew, zog das Startup alle Blicke auf sich.
Millionen Fördergelder und Awards
Die Welt war bereit für diese Idee. Auf Plattformen wie Kickstarter und Indiegogo sammelte das Team über eine Million US-Dollar ein. Es folgten prestigeträchtige Preise wie der „CES Innovation Award“ in Las Vegas und massive Fördergelder aus dem „Horizon 2020“-Programm der EU.
In der Theorie klang alles perfekt: Wer zur Miete wohnt und kein Dach besitzt, nutzt einfach seine Fenster. SolarGaps versprach, die Stromrechnung um bis zu 70 Prozent zu senken. Die Medien feierten das „Fenster-Kraftwerk“ als den entscheidenden Baustein für die „Smart City“ der Zukunft.
Wenn die Realität die Vision überholt
Doch während SolarGaps noch an der Perfektionierung seiner komplexen Mechanik tüftelte, veränderte sich die Welt draußen schneller als erwartet. Drei Faktoren führten dazu, dass das einstige Vorzeige-Startup heute fast von der Bildfläche verschwunden ist:
1. Der Preis der Komplexität: Eine Solar-Jalousie ist ein mechanisches Meisterwerk – und genau das ist ihr Problem. Die Lamellen müssen zum einen dünn und flexibel sein, damit sie sich drehen und zusammenrollen lassen können. Aber vorallem am EInsatzort in Hochhäusern müsen sie auch Wind und daher ständiger Bewegung standhalten können. Das machte die Produktion extrem teuer. Für den Preis einer einzigen SolarGaps-Anlage konnten sich Hausbesitzer bald eine komplette PV-Dachanlage installieren, die ein Vielfaches an Strom lieferte.
2. Die Invasion der Balkonkraftwerke: Das größte Hindernis war jedoch eine viel einfachere Erfindung: das Balkonkraftwerk, das gerade auch in Deutschland einen regelrechten Boom erlebt. Während SolarGaps ein teures Nischenprodukt blieb, fluteten simple, robuste und hocheffiziente Solarmodule für den Balkon den Markt. Sie kosten heute nur noch einen Bruchteil, sind in Minuten installiert und liefern sofort messbare Erträge. Die „einfache Lösung für Städter“ überholte die Jalousie.
3. Ein Team im Ausnahmezustand: Die enge Verbindung zur Ukraine wurde schließlich zum tragischen Schicksalsschlag. Mit dem Ausbruch des UkraineKonflikts 2022 wurden Lieferketten zerrissen, Entwickler mussten fliehen oder das Land verteidigen. Ein Hardware-Startup, das ohnehin mit der Skalierung kämpfte, konnte diesen massiven Einschnitt in die Infrastruktur kaum kompensieren.
Das leise Verschwinden
Heute ist es still geworden um SolarGaps. Es gab keinen lauten Knall, keine große Insolvenzverkündung. Stattdessen gibt es nur noch digitale Spuren: Webseiten, die teilweise ins Leere führen, Social-Media-Accounts, die seit Jahren nicht mehr aktualisiert wurden, und frustrierte Crowdfunding-Unterstützer, die teilweise nie ihre Produkte erhielten.
Fazit: Ein Denkmal für die Innovation
Die Geschichte von SolarGaps ist kein Bericht über ein schlechtes Produkt, sondern eine Lektion über den Markt. Die Technik funktioniert, die Idee war logisch und der Wille war da. Doch am Ende siegte die wirtschaftliche Effizienz der Einfachheit, die schon viele Ideen vot der Solarjalousie zunichte machte.
SolarGaps bleibt ein faszinierendes Beispiel dafür, dass im Bereich der erneuerbaren Energien nicht immer die eleganteste Lösung gewinnt, sondern diejenige, die am meisten Strom für den kleinsten Preis liefert. Aber wer weiß, vielelicht bekommt die Idee irgendwann doch noch eine zweite Chance.
Geschrieben am 09.05.2026
von
0% der Leser fanden diesen Artikel hilfreich
Seite weiterleiten
Artikel drucken