Im Garten

Altglas in den Garten statt in den Container? Dieser Dünger soll Pflanzen kräftiger machen

Autorenbild: Andreas Steger

Unsere Artikel können Partnerlinks enthalten. Im Falle eines Kaufs des Produkts erhalten wir ggf. eine Provision.

immowelt App herunterladen

Australische Landwirte bringen fein gemahlenes Recyclingglas auf Felder und Weiden aus. Das darin enthaltene Silizium soll Nährstoffe mobilisieren, Pflanzen schützen und sogar Mineraldünger sparen. Lässt sich die ungewöhnliche Methode auch im eigenen Garten anwenden?

Was normalerweise im Altglascontainer landet, könnte künftig eine zweite Karriere auf dem Acker bekommen. In Australien testen Landwirte ein Pulver und Granulat, das aus recycelten Glasflaschen hergestellt wird. Einige Betriebe berichten ABC News zufolge von kräftigerem Pflanzenwachstum, produktiveren Weiden und überraschend hohen Gewichtszunahmen bei Rindern.

Hinter dem vermeintlichen Glasdünger steckt ein Stoff, der in der Landwirtschaft zunehmend Aufmerksamkeit erhält: Silizium. Es kann Pflanzen unter bestimmten Bedingungen widerstandsfähiger machen. Doch zwischen einem industriell hergestellten Agrarprodukt und einer zermahlenen Weinflasche aus dem Haushalt besteht ein entscheidender Unterschied.

Australische Landwirte düngen mit gemahlenem Altglas

Das Ausgangsmaterial stammt aus dem australischen Rücknahmesystem „Containers for Change“. In einer rund vier Millionen Australische Dollar teuren Anlage in Brisbane werden aussortierte Glasflaschen mithilfe großer Keramikkugeln zermahlen. Dabei entstehen je nach Verwendungszweck feine Granulate oder ein nahezu talkumartiges Pulver.

Einige Landwirte verteilen das Granulat auf ihren Flächen. Andere mischen das Pulver mit Wasser und bringen es als Spritzlösung aus. Nach Angaben beteiligter Agronomen soll die Behandlung das Pflanzenwachstum um bis zu 25 oder 30 Prozent steigern.

Auch ein großer Milch- und Rindfleischbetrieb berichtet von deutlichen Effekten. Auf behandelten Weiden seien die täglichen Gewichtszunahmen der Rinder im Winter erheblich gestiegen. Gleichzeitig hoffen die Betriebe, künftig weniger importierten Mineraldünger zu benötigen.

Die Berichte klingen vielversprechend. Bislang handelt es sich allerdings hauptsächlich um Erfahrungen aus einzelnen Praxisbetrieben und um Aussagen der beteiligten Produktentwickler und Berater. Unabhängige, kontrollierte Feldversuche, welche die genannten Größenordnungen bestätigen, werden in den Berichten nicht angeführt.

Was Silizium in Pflanzen bewirken kann

Die Grundidee hinter dem Verfahren ist wissenschaftlich plausibel. Glas besteht überwiegend aus Siliziumdioxid. Silizium gilt zwar nicht für alle Pflanzen als lebensnotwendiger Nährstoff, kann aber zahlreiche positive Wirkungen entfalten.

Von der Pflanze aufgenommenes Silizium kann sich unter anderem in Zellwänden ablagern. Dadurch können Pflanzengewebe stabiler und teilweise widerstandsfähiger gegen Trockenheit, Salzstress, Krankheiten oder Fraß werden. Besonders ausgeprägt ist die Siliziumaufnahme bei Gräsern und Getreidearten. Auch bei einigen Gemüsearten werden günstige Wirkungen untersucht.

Wie stark Pflanzen profitieren, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab:

  • von der Pflanzenart,
  • vom Boden und dessen pH-Wert,
  • von der verfügbaren Siliziumform,
  • von der eingesetzten Menge
  • und davon, ob die Pflanzen tatsächlich unter Stress stehen.

Silizium ist deshalb kein Universaldünger, der in jedem Boden automatisch höhere Erträge erzeugt.

Warum Glas nicht automatisch ein Siliziumdünger ist

Der hohe Siliziumgehalt einer Flasche sagt noch wenig darüber aus, wie viel davon eine Pflanze aufnehmen kann. Pflanzen nehmen Silizium vor allem als gelöste Kieselsäure über ihre Wurzeln auf. Das Siliziumdioxid in gewöhnlichem Behälterglas ist dagegen schwer löslich.

Durch sehr feines Mahlen vergrößert sich die Oberfläche des Materials. Dadurch kann es schneller verwittern und möglicherweise mehr Silizium freisetzen. Wie viel tatsächlich verfügbar wird, hängt aber von der Zusammensetzung des Glases, der Korngröße und den Bodenbedingungen ab.

Auch die Behauptung, Silizium könne im Boden gebundenes Phosphat „freischalten“, muss differenziert betrachtet werden. Silikate können chemische Bindungs- und Austauschprozesse im Boden beeinflussen. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Gabe von Glaspulver zuverlässig eine bestimmte Menge Phosphor pflanzenverfügbar macht.

Glas enthält zudem keinen Stickstoff. Eine Siliziumanwendung kann Stickstoffdünger daher nicht unmittelbar ersetzen. Denkbar sind lediglich indirekte Effekte, etwa durch widerstandsfähigere Pflanzen oder veränderte Vorgänge im Boden.

Anzeige

Darf das eigene Altglas ins Gartenbeet?

Von eigenen Versuchen mit zertrümmerten oder gemahlenen Flaschen ist dringend abzuraten. Das australische Material wird in einer spezialisierten Anlage verarbeitet und ist nicht mit beliebigem Altglas aus dem Haushalt gleichzusetzen.

Beim Zerkleinern von Flaschen entstehen scharfkantige Splitter und sehr feiner Glasstaub. Dieser kann Augen und Atemwege belasten. Außerdem können sich im unsortierten Ausgangsmaterial Verschlüsse, Keramik, Kunststoffe, Beschichtungen oder andere Fremdstoffe befinden.

Je nach Herkunft und Glasart sind darüber hinaus unterschiedliche Metall- und Spurenelementgehalte möglich. Ohne chemische Untersuchung lässt sich nicht beurteilen, was mit dem Material dauerhaft in den Boden gelangt. Im Gemüsebeet ist besondere Vorsicht geboten, weil einmal eingebrachte Fremd- und Schadstoffe kaum wieder entfernt werden können.

Selbst hergestelltes Glaspulver ist außerdem kein geprüftes Düngemittel. Handelsfähige Dünger und Bodenhilfsstoffe müssen Anforderungen an Zusammensetzung, Kennzeichnung und Schadstoffgehalte erfüllen. Eine Flasche aus dem Altglascontainer bietet diese Sicherheit nicht.

So lässt sich Silizium im Garten sicher testen

Wer die mögliche Wirkung von Silizium im eigenen Garten ausprobieren möchte, sollte ausschließlich ein dafür vorgesehenes und ordnungsgemäß gekennzeichnetes Produkt verwenden. Aus der Verpackung sollten Zusammensetzung, Anwendungsbereich und Dosierung eindeutig hervorgehen.

Sinnvoll ist ein kleiner Vergleichsversuch: Eine Hälfte des Beetes wird entsprechend der Herstellerangaben behandelt, die andere nicht. Pflanzenart, Bewässerung und sonstige Düngung müssen dabei identisch bleiben. Erst dann lassen sich Unterschiede bei Wachstum, Ertrag oder Krankheitsbefall halbwegs sinnvoll beurteilen.

Vor jeder zusätzlichen Düngung empfiehlt sich außerdem eine Bodenuntersuchung. Häufig sind nicht fehlendes Silizium, sondern ein ungeeigneter pH-Wert, verdichteter Boden, Wassermangel oder eine unausgewogene Versorgung mit Stickstoff, Phosphor und Kalium für schwaches Wachstum verantwortlich.

Altglas bleibt besser im Container

Die australischen Versuche zeigen einen interessanten Ansatz für die Kreislaufwirtschaft. Sollte sich aufbereitetes Recyclingglas als sichere und wirksame Siliziumquelle erweisen, könnte es landwirtschaftlich nutzbar werden und gleichzeitig einen Abfallstoff sinnvoll verwerten.

Die bislang veröffentlichten Praxisberichte reichen jedoch nicht aus, um die außergewöhnlich hohen Ertrags- und Tierleistungseffekte allgemein zu bestätigen. Noch weniger lassen sie sich auf selbst gemahlenes Altglas im Hausgarten übertragen.

Für Hobbygärtner lautet die Antwort deshalb eindeutig: Silizium kann Pflanzen unterstützen – die eigene Wein- oder Saftflasche gehört trotzdem in den Altglascontainer und nicht ins Beet.

(0)
0 von 5 Sternen
5
 
4
 
3
 
2
 
1
 
Deine Bewertung:

Seite weiterleiten

Artikel drucken

War dieser Artikel hilfreich?

immowelt Redaktionskodex

Die immowelt Redaktion verfügt über ein breites Immobilienwissen und bietet den Lesern sorgfältig recherchierte Informationen in hilfreichen Ratgebertexten. Der Anspruch der immowelt Experten ist es, komplexe Sachverhalte möglichst einfach wiederzugeben. Sämtliche Inhalte werden regelmäßig überprüft und verlässlich aktualisiert. Die immowelt Redaktion kann und darf keine rechtsgültige Beratung leisten. Für rechtsverbindliche Auskünfte empfehlen wir stets den Rat eines Fachanwalts, Eigentümer- oder Mieterverbands einzuholen.